Einatmen. Ausatmen. [Kurzgeschichte]

Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Komm schon, du kannst das, so schwer ist das nicht. Ausatmen. Einatmen. Jemand berührt Jarla an der Schulter und sie schreckt hoch. Ungeschickt wie sie ist, knallt sie mit der vor ihr stehenden Person zusammen. Sie reibt sich ihren schmerzenden Hinterkopf, während sie aus dem Augenwinkel sieht wie sich ein Kerl die Nase hält. Scheiße!

„Ohje, habe ich Ihnen wehgetan? Das tut mir leid, ich… oh mein Gott, es tut mir sooo leid!“ Der Kerl tastet mit einer Hand in seiner Tasche rum, während er sich mit der anderen immer noch die Nase hält. Ohje, ist das Blut? Erschrocken taumelt Jarla ein Stück zurück, fasst sich aber schnell wieder und recht ihm ein Taschentuch.

Erst jetzt schaut er sie an und, auch wenn Jarla überzeugt ist, dass die sich das bloß einbildet, lächelt er sie an. „Danke“, murmelt er und greift mit seiner freien Hand nach dem Taschentuch das sie ihm immer noch hinhält. Er berührt ganz leicht ihre Hand und ein Schauer geht durch ihren Körper. Ihre Knie werden ganz weich und sie muss sich eingestehen, dass er, wenn man sich die Blutverschmierte Hand und Nase wegdenkt, unglaublich gut aussieht. Reiß dich zusammen, du hast den Kerl gerade vermutlich die Nase gebrochen!

Hektisch kramt sie nach weiteren Tempos. „Es tut mir wirklich unglaublich leid! Ich war nur so in Gedanken versunken und habe nicht damit gerechnet, dass mich jemand antippt. Ich… ohje, habe ich gerade den Zug verpasst?“ verdutzt schaut sie sich am leeren Bahnsteig um. Mist! „Ach egal… es tut mir wirklich leid. Mensch, das blutet ja immer noch! Hört das auch noch mal auf? Fuck!“

„Beruhig dich! Ich blute und nicht du, also entspann dich! Ich werde das schon überleben.“ Sie kann nicht einordnen, ob er das wirklich so schroff meint, wie es rüberkam oder ob es ein Scherz sein sollte. Mit schiefgelegtem Kopf mustert sie ihn und versucht die Aussage richtig zu interpretieren. Dabei fällt ihr auf, dass er ganz dunkelbraune Augen hat, schon fast schwarz. Vielleicht liegt das aber auch bloß am trüben Licht. Sein Gesicht ist markant und hat harte Züge und doch sieht er so… lieb aus. Wie kann ein Mensch in einem so gegensätzlich sein?  Anscheinend hat sie ihn jedoch etwas zu lange zu offen betrachtet, sodass er eine Augenbraue hochzieht und zurückstarrt. „Oh, ‚tschuldigung“, murmelt sie verlegen und schaut auf ihre Schuhspitzen.

Sie hört ein leisen lachen traut sich aber nicht so recht ihn wieder anzusehen. Er hält sie jetzt sicher für eine völlige Idiotin.

„War nicht so gemeint. Muss am krassen Blutverlust liegen. Das macht mich immer so… unsensibel“

„Immer?“, fragt sie stutzig.

Er lacht erneut und diesmal traut sie sich wieder ihn anzusehen. Die Nase scheint nicht mehr zu bluten, übel sieht es trotzdem noch aus. „Es passiert mir fast täglich, dass mir ein hübsches Mädchen den Kopf in die Fresse rammt. Ich dachte das ist eure Art zu flirten?!“

Flirten? „Hä? Was… nein!“ Moment! Flirtet ER gerade mit MIR? Ich habe ihm gerade vermutlich die Nase gebrochen und er flirtet mit mir? Mit offenem Mund starrt sie ihn an. Er grinst verschmitzt. „Du flirtest mit mir, obwohl ich deine Nase gebrochen habe?“, die Worte sprudeln nur so aus ihrem Mund, ohne, dass sie es verhindern kann. „Bist du verrückt?“

Sein Lachen wird lauter und er hält sich den Bauch, gleichzeitig schnellt seine andere Hand wieder zur Nase und er stöhnt zwischen zwei Lachern auf. „Die ist gewiss nicht gebrochen, so einen Dickschädel hast du auch nicht. Außerdem hat mich bis jetzt noch niemand verrückt genannt, nur weil ich auf miserable Weise versuche mich mit einem Mädchen zu unterhalten.“

„Solltest du jetzt nicht eigentlich schreiend vor mir wegrennen?“

„Sollte ich?“

„Solltest du eindeutig.“

„Vielleicht hast du Recht, aber hey, jetzt kann ich immerhin eine detaillierte Täterbeschreibung rausgeben!“  Jarla grinst etwas unbeholfen. Jetzt ohne Spaß, der flirtet mit mir, oder?  ODER? Ihr Magen macht einen Salto und sie ist sich sicher, dass es nicht nur an den Mengen Blut in seinem Gesicht liegt.

„Ich könnte dir auch meinen Namen nennen, dann wäre es noch einfacherer eine Anzeige aufzugeben“, wirft sie ein.

Er kramt erneut in seiner Tasche und holt einen Stift heraus. „Gute Idee. Also Name und Nummer?“

„Echt jetzt?“ Jarla reißt ihre Augen auf, versucht aber ihren Gesichtsausdruck so neutral wie möglich zu halten, damit er nicht gleich JEDE ihrer Emotionen erraten kann. Es gelingt ihr nicht wirklich.

„Nicht unbedingt für eine Anzeige, aber für eine Suchanzeige. Nach dem Motto: Wer ist dieses Mädchen? Muss sie unbedingt finden, sie hat mir nämlich die Nase gebrochen und sich erst zehn Mal entschuldigt!“

„Wenn du meinen Namen und Nummer hast brauchst du aber keine Suchanzeige mehr“, entgegnet Jarla abschätzig. Reiß dich zusammen! Vermassle es nicht! „Du hast mitgezählt?“

Er packt den Stift wieder in die Tasche und sein Grinsen wird noch breiter: „Hast recht. Dann keinen Namen und Nummer. Kannst du mir zumindest verraten in welcher Gegend du dich meist aufhältst, damit ich weiß, wo ich die Plakate aufhängen muss?“

Scheiße er meint das ernst! „Naja… die meiste Zeit bin ich in meinem Zimmer… da sind keine nervige Menschen… ich kann Menschenmassen nicht leiden, die sind immer so… massig.“ Als sie merkt, was sie gesagt hat schlägt sie sich die Hand gegen die Stirn und läuft rot an: „Nicht das du nervig wärst. Verdammt! Ähm… ich meine… ich… äh…“ Was tue ich hier nur? „Jarla!“

„Was?“

„So heiße ich. Jarla. Oh nein, du wolltest meinen Namen ja gar nicht wissen wegen der Suchanzeige. Sorry.“ Sie hält sich beide Hände vors Gesicht und versucht im Erdboden zu verschwinden. Leider ohne Erfolg.

Etwas kaltes berührt sie sanft an der Hand und sie reißt wieder schockiert die Augen auf und lugt zwischen den Fingern hervor. Er hat noch immer seine Hand ausgestreckt und lächelt sie beruhigend an. „Der Name ist wunderschön“ Ihre Augen werden noch ein Stückchen größer und sie lässt vorsichtig die Hände nach unten gleiten.  Das kann einfach nicht real sein! Etwas ungeschickt zwickt sie sich in den Arm und schreit daraufhin leise auf. „Was tust du da?“

„Ich… ähm… ich wollte gucken ob ich… äh… träume?“ WOW, Applaus, spätestens jetzt hält er dich für durchgeknallt. Doch anstatt sie kopfschüttelnd zurück zu lassen, kneift auch er sich in den Arm: „Tatsächlich, wir träumen nicht. Habe mich auch schon gewundert.“ Er grinst. „Kay“

„Kay?“

„So heiße ich. Kay“

„Oh“, sie läuft rot an. „Jetzt kann ja nicht mal ich eine Suchanzeige rausgeben“, entgegnet sie geknickt. „Mysteriös gutaussehender Kerl gesucht. Ich schulde ihm noch eine heile Nase!“ Sein grinsen wird etwas verlegen: „Mysteriös gutaussehend? Echt? Krass!“ Ohje, ich habe das laut gesagt, oder?

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3 Kommentare zu “Einatmen. Ausatmen. [Kurzgeschichte]

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